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Interview mit Frau Bildungsministerin Dr. Sonja Hammerschmid

von Barbara Dmytrasz und Isabella Kaiser

Im Juli haben wir mit unserer Bildungsministerin Dr. Sonja Hammerschmid ein ausführliches Gespräch über ihre Prioritäten, den Stellenwert der AHS, ihr Verhältnis zu Personalvertretung und Gewerkschaft, die ideale Kommunikation und andere relevante Fragen unseres Bildungssystems geführt. Frau Ministerin Hammerschmid bedankt sich für die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, die sie für die wahrscheinlich wichtigste Aufgabe in unserer Gesellschaft hält, bekennt sich zur besten Bildung für alle, zur Vielfalt in unserem Schulsystem, zum gemeinsamen Suchen von Lösungen und vor allem zu einem respektvollen Umgang mit den Lehrerinnen und Lehrern, sowie deren Vertretern in Personalvertretung und Gewerkschaft.

ahs aktuell: Gibt es ein Motto, unter dem deine Ministerinnenschaft stehen soll?

Ministerin Hammerschmid: Beste Bildung für alle! Ich habe immer gesagt, ich will in einem Land leben, in dem alle dieselben Chancen auf Bildung und persönliches Fortkommen haben.

ahs aktuell: Wo besteht deiner Ansicht nach im österreichischen Bildungssystem der größte Handlungsbedarf? Wo liegen dabei deine Prioritäten?

Ministerin Hammerschmid: Fangen wir mit den Prioritäten an. Absolute Priorität haben jene Aktivitäten und Maßnahmen, die so schnell wie möglich in den Klassenzimmern ankommen. Besonders wichtig sind mir dabei die Allerjüngsten, denn die beste Fördermaßnahme besteht darin, Defizite gar nicht erst entstehen zu lassen, das erleichtert den Volksschulen und den weiterführenden Schulen die Arbeit ganz entscheidend. Das kann einerseits durch den im Schulrechtspaket fixierten Übergang von der Elementarpädagogik zur Volksschule geschehen, im Zuge dessen ein Informationspaket vom Kindergarten an die Schule vorgesehen ist, damit dort wirklich auch ab Tag eins mit den Kindern an deren Talenten gearbeitet werden kann. Andererseits gibt es im Volksschulbereich – auch als Vorgriff auf die Autonomie – viele Schulversuche mit der alternativen Leistungsbeschreibung, aber auch mit jahrgangsübergreifendem Unterricht – wie ich erst kürzlich in schöner Form in der Wiener Volksschule Brüßlgasse erleben durfte. Bei 80 Prozent Migrationshintergrund wird der Unterricht teilweise zweisprachig, aber auch in Muttersprache abgehalten , auch dem „bewegten Lernen“ wird Raum gegeben. Optimaler kann man Unterricht wirklich nicht mehr gestalten. Die Jüngsten sind mir ein Anliegen, auch deren Sprachkompetenz, weil, wie gesagt, wenn die Defizite gar nicht erst entstehen, gibt es hinterher weniger Probleme – aber wem sage ich das….

DSCN8019Wir denken auch ganz intensiv über ganztägige Schulformen nach, weil wir in der Analyse immer wieder darauf zurückkommen, dass das eine Möglichkeit ist, auch Kindern aus nicht so privilegierten Schichten ein besseres Umfeld zum Lernen und allgemein mehr Chancen auf ein besseres Fortkommen zu bieten. Wichtig ist dabei vor allem, das Angebot so attraktiv zu machen, dass es auch wirklich von Eltern und Kindern angenommen wird, z.B. durch interessante Freizeitangebote. Wie im Bildungsbericht dokumentiert, ist es derzeit so, dass vor allem Eltern, die beide berufstätig sind, ihre Kinder in diese Schulformen geben, was wiederum ein Beweis dafür ist, dass die Qualität stimmt! Was uns jetzt gelingen muss, ist die bildungsferneren Schichten von dem Angebot zu überzeugen, damit ihre Kinder bestmöglich unterstützt und gefördert werden können.

Ein weiteres Anliegen ist mir die Autonomie. Das ist ein Thema, das mir sehr nahe ist, weil ich von der Universität weiß, was möglich ist, wenn man den entsprechenden Handlungsspielraum ermöglicht. Ich bin überzeugt, dass ihr Pädagoginnen und Pädagogen wisst, was das Beste ist. Ich denke dabei vor allem an eine pädagogische Autonomie, aber auch organisatorischer Natur, z.B. bezüglich der Öffnungszeiten…, auch eine finanzielle und eine personelle Autonomie kann ich mir teilweise vorstellen, denn es braucht Rahmenbedingungen und Freiräume, damit der Unterricht bei den Kindern gut ankommt und diese optimal unterstützt.

ahs aktuell: Wobei eine personelle Autonomie bei einem monopolistischen Dienstgeber nicht ganz unproblematisch sein kann.

Ministerin Hammerschmid: Ohne ein gewisses Mitspracherecht der Direktorinnen und Direktoren wird es nicht gehen, denn aus meiner Managementerfahrung weiß ich, dass, wenn die Mitarbeiter nicht zusammenpassen, die Arbeit sehr schwierig werden kann. Man wird hier eine sinnvolle Balance zwischen Dienstpragmatik und Personalautonomie finden müssen.

ahs aktuell: Welchen Stellenwert hat die AHS im österreichischen Schulsystem für dich?

Ministerin Hammerschmid: Kinder sind unterschiedlich und unsere Vielfalt im Bildungssystem kommt auch im Ausland gut an. Ich war gerade in Norwegen auf einer Tagung – und so wie wir unterschiedliche Angebote zu haben und die Vielfalt auch abzudecken ist gut und richtig. Optionen für alle Kinder offen zu halten ist besonders wertvoll.

DSCN8014ahs aktuell: Wie definierst du dein Verhältnis zu Personalvertretung und Gewerkschaft? Wie siehst du deren Rolle im österreichischen Bildungssystem?

Ministerin Hammerschmid: Mein Verhältnis zu Personalvertretung und Gewerkschaft war immer ein wirklich gutes, denn ich war selbst Betriebsrätin. Auch auf der Vetmed (Veterinärmedizinische Universität) habe ich ein wirklich gutes Verhältnis zu Betriebsrat und Gewerkschaft gehabt. Wenn man hier optimal zusammenspielt, dann ist das eine wirklich gute Sache und ich habe auch Interesse daran, jetzt Vertreterinnen und Vertreter aus allen Schultypen und allen Ebenen zu treffen Wenn wir das gemeinsame Ziel – die beste Bildung für alle – im Fokus haben, dann werden wir gemeinsam auch Lösungen finden.

ahs aktuell: Was ist deine Vorstellung von einer idealen Kommunikation zwischen Ministerium und Lehrer/innen?

Ministerin Hammerschmid: Mir ist es wichtig, zuzuhören, die Anliegen der Lehrerinnen und Lehrer zu verstehen, das Thema gemeinsam anzugehen und miteinander nach Lösungen zu suchen. Mein Zugang lautet: alle Vorschläge auf den Tisch und dann diskutieren wir darüber.

Ich lade auch Direktorinnen und Direktoren aus unterschiedlichen Schultypen ein. Die Fakten und Daten liegen uns natürlich vor, diese sind ja auch wichtig, aber es gehört immer beides dazu, die Fakten und die Erfahrungen aus dem realen Leben – das zusammenzubringen ist mir ein Anliegen und zu überlegen, was sich daraus entwickeln könnte. Man kann halt nur einen Teil der Wirklichkeit mit Kennzahlen abbilden.

ahs aktuell: Das halten wir für einen ganz besonders entscheidenden Punkt, denn nur wenn man sich wertgeschätzt und ernstgenommen fühlt , kann man die bestmögliche Arbeit leisten…

ahs aktuell: Was würdest du den Lehrerinnen und Lehrern gerne sagen?

Ministerin Hammerschmid: DANKE!!! Und meinen Respekt vor der Leistung in diesem Beruf, der wahrscheinlich der wichtigste in unserer Gesellschaft ist, wie ich auch immer wieder gesagt habe, weil er unsere Gesellschaft so stark prägt. Es hängt ganz stark an den Pädagoginnen und Pädagogen, wie erfolgreich Schule – auch in den Augen der einzelnen Schüler/innen – sein kann. Ich habe Riesenglück mit meinen Lehrerinnen und Lehrern gehabt und wäre nicht da wo ich jetzt bin, ohne deren Einsatz. Diese haben damals schon erkannt, wo meine Talente liegen und haben mich entsprechend gefördert.

ahs aktuell: Wie möchtest du junge Menschen motivieren, unseren Beruf zu ergreifen?

Ministerin Hammerschmid: Ich denke, das kann nur mit euch gehen, nur ihr wisst, was euch euer Beruf abverlangt und wo die schönen Seiten liegen – wenn ich das sage, ist das gut und schön, aber ihr könnt das als Vorreiterinnen aus erster Hand sagen und glaubwürdig weitergeben. Dass es ein toller Beruf ist, das könnt nur ihr wirklich vermitteln, das kann ich nicht überzeugend weitergeben.

ahs aktuell: Es ist uns schon öfter eine Imagekampagne versprochen worden, nicht nur um ein realistisches Bild von unserer Arbeit transportieren, sondern auch, um die Kolleginnen und Kollegen zu motivieren. Das wäre im Hinblick auf Wertschätzung und Respekt extrem wichtig.

Ministerin Hammerschmid: Natürlich muss man das zusammenspielen lassen, aber dafür brauche ich eure Unterstützung. Ich betone immer wieder gerne, wie wichtig der Beruf der Lehrerinnen und Lehrer in unserer Gesellschaft ist und erkenne auch mit großer Freude die Leistungen an, die in diesem Bereich erbracht werden. Mir ist es ein Anliegen, hier wieder Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Pädagoginnen und Pädagogen ermöglichen, sich auch wirklich wieder auf den Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern zu konzentrieren und vieles an Verwaltung weggenommen wird, um wieder das tun zu können, was man gerne macht und was man gelernt hat.

ahs aktuell: An welche administrativen Entlastungen denkst du hier? Vor allem in Bezug auf die NOST wird hier ja einiges auf uns zukommen..!

Ministerin Hammerschmid: Da müssen noch Gespräche über konkrete Maßnahmen geführt werden.

ahs aktuell: Welche Chancen siehst du in der gemeinsamen Lehrer/innenausbildung?

Ministerin Hammerschmid: Mein Ziel ist es, diese gemeinsam weiterzuführen. Bezüglich der Kooperation zwischen PHs und Unis denke ich, dass diese sich einspielen wird und dass Auffassungsunterschiede und Ressentiments jetzt überwunden sind, weil man weiß, dass man miteinander kann.

ahs aktuell: Kannst du dir vorstellen, dass die Elementarpädagog/innen in Zukunft an der PH ausgebildet werden können?

Ministerin Hammerschmid: Ich könnte mir gut vorstellen, dass man die Elementarpädagoginnen hereinholt, mittel- und langfristig ist es schon ein Ziel, zusammenzuführen, was auch zusammen gehört – ein Bildungsstrang und ein Bildungssystem. Das muss man andiskutieren, aber das ist ja nicht mein Ressort, das gehört zum Familienministerium. Als Entwicklungsziel würde ich das aber durchaus sehen.

ahs aktuell: Wie stehst du zur Einführung des Ethikunterrichts?

Ministerin Hammerschmid: Ich finde das wirklich gut. Das scheint mir sehr unterstützenswert. Da spielt mein universitärer Hintergrund mit, wir haben einen Lehrstuhl an der Vetmed für Ethik gehabt, gerade im Umgang mit Tieren, gibt es häufig ethische Fragen zu diskutieren. Ich war sehr froh über diesen Lehrstuhl, weil es sehr stark das Berufsfeld befruchtet hat. Die Veterinärmediziner außerhalb und an der Uni waren wirklich dankbar, ihre Problemfelder in der Beziehung Mensch-Tier hier bearbeiten zu können. Ethik spielt auch eine Rolle im Zuge der Digitalisierung: Ständig abrufbar, immer erreichbar, Umgang mit Daten – wie bewertet man das im gesellschaftlichen Kontext? Das sind durchaus relevante Fragestellungen, besonders bei den Jungen, wir wissen ja auch, wie sich junge Menschen von diesen Medien beeinflussen lassen.

ahs aktuell: Danke für das Gespräch!

Post Author: Philipp Daferner