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Rock Street, San Francisco

Von Patricia Gsenger

Schule ist mehr als Unterricht. Die Unterrichtsarbeit stellt lediglich jenen Aspekt der Lehrertätigkeit dar, der öffentlich bzw. von jeder Person in ihrer Jugend erlebt wird. Sie ist tatsächlich nur EIN Aspekt des umfassenden und komplexen Berufsbildes von Lehrkräften.

In der Arbeitszeit des Lehrberufs nehmen Vor- und Nachbereitungsarbeiten, Betreuung und Beratung von Schülerinnen, Schülern und Eltern, Unterrichtsplanung, Veranstaltungen, administrative Tätigkeiten und Fortbildung einen großen Raum ein.

Verschiedenste Schwierigkeiten und Probleme im Schulalltag können für die Lehrkraft belastend wirken, da beruflich bedingte Herausforderungen individuell wahrgenommen und interpretiert werden. Es handelt sich hierbei um eine subjektiv konstruierte Belastung. Diese können in drei Ebenen – Organisationsebene, Individuumsebene und Systemebene – unterteilt werden.

Zu den Anforderungen auf Organisationsebene zählen Schulart und Klassengröße: 62 % der Lehrpersonen[1] empfinden die hohe Klassenschülerzahl als belastend.[2]

Auf individueller Ebene führen die Lehrkräfte die Belastungssituationen auf ungünstige Rahmenbedingungen zurück. Hier werden vor allem Arbeitszeit und Arbeitsstruktur, Unterrichtsfach, Interaktion mit Schülerinnen und Schülern, Korrektur sowie Erwartungen und Ansprüche der Eltern genannt. 39 % der Lehrkräfte fühlen sich durch Verhaltensauffälligkeiten der Schülerinnen und Schüler gefordert. 55 % nennen die Platzsituation im Lehrerzimmer als einen Belastungsfaktor.[3]

Verwaltungsaufgaben, das Berufsimage in der Öffentlichkeit und Berufsstatus sind Faktoren auf der Systemebene. Administrative Arbeiten und Verwaltungsaufgaben stehen in Studien an vorderster Stelle. Mangelnde Anerkennung durch die Öffentlichkeit und das schlechte Image von Lehrkräften (häufig gelten Lehrpersonen in der medialen Meinung als „beneidenswerte Halbtagsjobber“) sind wesentliche Belastungsfaktoren.[4]

Diese als belastend empfundenen Faktoren können zu unterschiedlichen gesundheitlichen Beschwerden führen. Physische Auswirkungen, wie Atemwegserkrankungen, Hörschäden, Hals- und Stimmprobleme, Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats, verschiedenste Arten von Schmerzen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Infektanfälligkeit und Schwierigkeiten im Herz-Kreislauf-System können auftreten. Zu den psychischen Auswirkungen von Belastungsfaktoren zählen unter anderem Angst (Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern, Eltern und Vorgesetzten gegenüber), Stress, Burnout und Arbeitsunzufriedenheit.[5]

Der Aspekt der Zufriedenheit spielt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. 31 % der österreichischen Lehrkräfte geben an, mit ihrer Tätigkeit „sehr zufrieden“ zu sein, weitere 51 % sind mit ihrem Beruf insgesamt „zufrieden“. In etwa fühlen sich acht von zehn der Befragten in ihrem Beruf „wohl“. Als „unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“ mit ihrer Tätigkeit bezeichnen sich 2 % der österreichischen Lehrkräfte.[6]

AHS-Lehrkräfte sind im Vergleich zu Lehrpersonen anderer Schultypen tendenziell die unzufriedenste Gruppe. Sie sind in erster Linie mit dem Führungsstil ihrer Vorgesetzten, den Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule und mit der Unterstützung durch Behörden weniger zufrieden als ihre Kolleginnen und Kollegen anderer Schultypen. Auch ihre Zufriedenheit mit dem Einkommen und den Weiterbildungsmöglichkeiten ist weniger hoch als die der anderen Lehrpersonen. Im Vergleich zu den anderen Gruppen gaben AHS-Lehrkräfte am häufigsten an, mit dem Ansehen des Lehrberufs in der Öffentlichkeit gar nicht glücklich zu sein.[7]

Insbesondere sind es Belastungen aus dem pädagogischen Bereich, die auf die Arbeitszufriedenheit einwirken: die Belastung durch Stören des Unterrichts und durch Verhaltensauffälligkeiten, Widerstand und Verweigerung sowie ein stark unterschiedliches Leistungsniveau innerhalb einer Klasse.  Die mangelnde Anerkennung der Lehrkräfte in der Öffentlichkeit hat ebenfalls eine starke Auswirkung auf die Zufriedenheit mit dem Lehrberuf.[8]

Neben der Analyse der Belastungs- und somit Gesundheitsrisiken spielt die Frage nach den Entlastungs- bzw. Gesundheitsressourcen eine wichtig Rolle. Für effektive und anhaltende Besserung des Gesundheitszustandes im Sinne der Gesundheitsförderung ist ein Ansetzen auf zwei verschiedenen Ebenen notwendig: auf der individuellen Ebene (Verhalten) und der organisatorischen Ebene (Verhältnisse).

Die individuelle Ebene sieht im Wesentlichen ein Stärken der eigenen Ressourcen vor: Förderung eines gesunden Lebensstils, gesundheitsförderliche Unterrichtsgestaltung, Einholen von Feedback, Optimierung der Zeitplanung, Bewältigung von Stress, Gesprächsführung und Konfliktbewältigung und Einholen von Unterstützung. Auf Schulebene geht es um die Optimierung von Arbeitsprozessen und Rahmenbedingungen: Verbesserung der Beziehungskultur zwischen Schülerinnen/Schülern und Lehrpersonen, Stärkung der kollegialen Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung, Optimierung der Schulraumgestaltung, Verbesserung der Arbeitsplätze, Optimierung der Zusammenarbeit mit den Eltern und Förderung des positiven Umgangs mit Heterogenität im Schulalltag.[9]

„Wenn es den LehrerInnen gut geht, geht es den SchülerInnen gut.

Aufgrund der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung sind LehrerInnen mit neuen Herausforderungen im Schulalltag konfrontiert. Wir möchten an unserer Gesundheit aktiv arbeiten – sozial-emotional und körperlich. Gerüstete und starke LehrerInnen sind ein Mehrwert für das Schulsystem und unterrichten mit mehr Freude.“[10]

Literatur und weiterführende Informationen:

Give – Lehrer/innen-Gesundheit:

http://www.give.or.at/gvwp/wp-content/uploads/GIVE_lehrerInnengesundheit_2016.pdf

Handbuch für Gesundheitsförderung für Lehrerinnen und Lehrer der BVA: http://www.bva.at/cdscontent/load?contentid=10008.549731&version=1391171435

Burnout-Prävention für Lehrerinnen und Lehrer:

https://www.ooegkk.at/cdscontent/load?contentid=10008.576570&version=1391199369

LehrerInnengesundheit:

http://www.bva.at/cdscontent/?portal=bvaportal&contentid=10007.676644&action=2&viewmode=content

Gesundheitszustand und -verhalten österreichischer Lehrkräfte:

Ergebnisse der Lehrer/innen – Gesundheitsbefragung 2010:

http://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/9/7/0/CH1444/CMS1427118828092/2013_factsheet_nr_5_lehrergesundheit_fh_final_1.pdf

LehrerIn 2000. Arbeitszeit, Zufriedenheit, Beanspruchungen und Gesundheit

der LehrerInnen in Österreich

https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf

 

[1] Hier sind immer die Lehrkräfte und –personen der AHS gemeint

[2] SORA: LehrerIn 2000, https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf, S. 150

[3] SORA: LehrerIn 2000, https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf, S. 150

[4] Muggi Angelika, Belastende Faktoren im Lehrberuf allgemein und der Gesundheits- und Krankenpflege, Masterarbeit, Medizinische Universität Graz, 2014, S. 45-47

[5] Muggi Angelika, Belastende Faktoren im Lehrberuf allgemein und der Gesundheits- und Krankenpflege, Masterarbeit, Medizinische Universität Graz, 2014, S. 48-54

[6] SORA: LehrerIn 2000, https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf, S. 135

[7] SORA: LehrerIn 2000, https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf, S. 144

[8] SORA: LehrerIn 2000, https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/sb/lehrerin2000_16164.pdf, S. 166

[9] http://www.give.or.at/gvwp/wp-content/uploads/GIVE_lehrerInnengesundheit_2016.pdf, S. 6-20

[10] http://www.bva.at/cdscontent/load?contentid=10008.549731&version=1391171435

 

Post Author: Isabella Kaiser