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Rock Street, San Francisco
Tor von Birkenau

Es gibt wohl wenige Orte auf der Welt, an dem sich menschliche Grausamkeit und die unvorstellbar fürchterlichen Folgen eines Terrorregimes so eindrucksvoll manifestieren, wie in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Obwohl keineswegs das einzige in der tragischen Reihe von den Arbeits- und Vernichtungslagern der Nazis, ist Auschwitz u.a. aufgrund des guten Erhaltungszustandes, zahlreicher  erhaltener Dokumente und Zeitzeugenberichte zum Synonym für das Grauen und das Böse im Menschen geworden – nur 400 km von Wien entfernt und doch geistig und zeitlich scheinbar unendlich fern. Gerne sind wir bereit das, vor gerade einmal 70 Jahren quasi vor unserer Haustüre Geschehene weit von uns weg zu schieben, den Mantel des Vergessens darüber zu breiten und die Gespenster der Vergangenheit aus einer trügerischen Sicherheit heraus, dass sie nie wieder lebendig werden, als Museumsstücke zu betrachten.

Solange noch Menschen leben, die die Konzentrationslager und den nationalsozialistischen Terror er- und überlebt haben, können sie von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichten und der Welt ein verstörendes und erschütterndes Bild darüber geben, was Menschen, durch eine menschenverachtende Ideologie geleitet, imstande sind, anderen Menschen an zu tun – und darüber zu sprechen, dass es eben Menschen waren, die sie gedemütigt, gepeinigt und ihre Freunde und Familien gemeinsam mit über 4 Millionen anderen Menschen kaltblütig ermordet haben. Es waren Menschen, die aussehen, wie du und ich – wie zahlreiche Fotos aus der Zeit beweisen, die Männer und Frauen der Lagermannschaften bei diversen Freizeitaktivitäten und Stationen ihrer „Karriere“ zeigen. Menschen, die aus blindem Gehorsam, unrefletierter Begeisterung für die Ideologier der Nazis, aus Angst vor Repressalien oder aus anderen Gründen zu Henkersknechten und Massenmördern geworden sind.

Noch gibt es diese Überlebenden und viele von ihnen sind bereit, ihre Erlebnisse mit uns zu teilen, in der Hoffnung, dass wir daraus lernen und so etwas wie den Nationalsozialismus oder jegliche Art von Terrorregime jetzt und für immer verhindern können. Aber es ist nicht genug, wenn wir es ausschließlich als Sache der Überlebenden betrachten, die Welt vor staatlichem Terror und Gewaltregimen zu warnen, es ist uns Aufrag und Pflicht, von den Menschen, die das Unfassbare über sich ergehen lassen mussten, zu lernen und deren Botschaft weiter zu tragen.

Wenn es irgendwann einmal keine Menschen mehr geben wird, die aus persönlicher Erfahrung zu uns sprechen können, wird es umso mehr unsere Aufgabe sein, das Wissen um Entstehung und Ausbreitung von menschenverachtenden, gewaltverherrlichenden Ideologien weiterzugeben und davor zu warnen. Damit wir, die wir in Frieden und Wohlstand aufgewachsen sind, diese schwere Aufgabe erfüllen können – die ein Erbe der gesamten Menschheit ist, ist es unabdingbar, uns mit dieser grausamen Zeit auseinander zu setzen und zu versuchen, so viel wie möglich zu darüber zu erfahren, denn unser Frieden und unsere physische und soziale Sicherheit sind keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Verantwortung, die uns von denjenigen, denen nicht die „Gnade einer späten Geburt“ zuteil geworden ist zur Pflege und zur Erhaltung übertragen worden ist.

Die aktuellen politischen Entwicklungen – auch in Europa – zeigen allerdings, dass wir unserer Aufgabe nur sehr lückenhaft nachkommen. Man braucht nur an die  beschämenden Vorgänge rund um die Flüchtlinge aus Syrien denken, daran, dass in Europa – eben im Zusammenhang damit und der diffusen Angst vor Überfremdung – der Rechtsextremismus auf dem Vormarsch ist, oder an Großbritannien, das sich dafür ausgesprochen hat, die EU, die als Reaktion auf die verheerenden Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit eigentlich als Element der Friedenssicherung gegründet worden ist – nicht zuletzt auf britisches Betreiben – zu verlassen und so möglicherweise den Startschuss zu einer Entsolidarisierung  Europas gegeben hat.

Orte wie Auschwitz sind Stätten, an denen wir jener Menschen gedenken, die dort ohne sich irgendetwas zu Schulden haben kommen lassen, lediglich aufgrund ihres Aussehens, ihrer Abstammung, der zutiefst menschlichen Entscheidung, anderen zu helfen oder sich gegen eine menschenverachtende Ideologie zu stellen, deportiert, gefoltert und ermordet worden sind. Es sind keine Museen, die etwas längst Vergangenes zu Schau stellen, es sind ganz im Gegenteil Orte des lebendigen Nachdenkens, des Nachdenkens darüber, in welcher Welt wir leben und welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen und vor allem darüber, was wir selbst – jede/r Einzelne von uns dazu beitragen können. Es sind Orte, die uns lehren, dass das Beweisen von Zivilcourage und das aktive Eintreten gegen jene Art von Menschenverachtung, Diskriminierung, Ausgrenzung, Fanatismus, Radikalität und Gewalt die einzig würdige Art des Gedenkens, an die von den Nazis gequälten und ermordeten Menschen sein kann, die uns allen die Gewissheit gibt, dass diese Menschen nicht umsonst gelitten haben. Es sind Orte, die uns mahnen, das Wiederaufflammen des unfassbar Grauenvollen zu verhindern.

Post Author: Philipp Daferner