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Rock Street, San Francisco
Interview mit SSR-Präsident

„Nicht Kindern zu zeigen, wer sie sind, sondern wer sie sein können, ist unsere Aufgabe.“
„Wichtig ist, dass Lehrerinnen und Lehrer Unterstützung bekommen für ihre Arbeit, die die wichtigste in unserer Gesellschaft ist!“

Barbara Dmytrasz und Isabella Kaiser

Wir haben mit dem Präsidenten das Wiener Stadtschurates, Mag. Jürgen Czernohorszky ein ausführliches Gespräch über seine Vorstellungen und Ziele, sein Verhältnis zu Personalvertretung und Gewerkschaft, die Bedeutung der Lehrerinnen und Lehrer für ein erfolgreiches Schulsystem, sowie zahlreiche andere aktuelle Fragen der Bildungs- und Schulpolitik geführt. Dabei haben wir Herrn Präsidenten Czernohorszky als ausgesprochen kommunikativen, eloquenten und optimistischen Menschen kennen gelernt, der sehr anerkennende Worte für die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer an den Wiener AHS findet.

„ahs aktuell“
Welchen Stellenwert hat Bildungs- und Schulpolitik in deinem Leben?

Präsident Czernohorszky
Was mich schon mein ganzes Leben beschäftigt, ist am Lernen zu arbeiten und Bildungspolitik zu machen, ich war ja vierzehneinhalb Jahre im Gemeinderat. Schon in meiner Zeit als Schulsprecher und in der Hochschülerschaft hat mich die Frage sehr beschäftigt, wie sowohl das Lernen als auch unser ganzes Bildungssystem funktioniert und wie man beides besser machen und verändern kann. Letztendlich ist es doch auch Politik, Vorstellungen davon zu entwickeln, was wichtig ist.

„ahs aktuell“
Welche Hauptaufgaben hat das System Schule in deinen Augen? Was soll Schule leisten, um als erfolgreich bezeichnet zu werden?

Präsident Czernohorszky
Ich sehe keinen gesellschaftlichen Teilbereich, wo Entwicklung noch wichtiger ist als bei der Bildung, denn da gelingt es – oder es gelingt eben nicht – einzelne Kinder und Jugendliche durch Bildung so weit zu bringen, ein glückliches Leben führen zu können. Entscheidend dabei ist die Frage nach dem Zugang zur Welt und wie man sich diesen aneignet. Wer für die Bildung verloren geht, geht auch für die Gesellschaft verloren und es ist die Hauptaufgabe von Schule, genau das zu verhindern, unabhängig von der Diskussion über zweifellos wichtige Dinge wie Geld, Recht, Rahmenbedingungen, Lehrer/innen-Dienstrecht etc., die den handelnden Personen, nämlich den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrerinnen und Lehrern, die bestmöglichen Rahmenbedingungen zum gemeinsamen Lernen bieten sollen. Das ist für mein Amtsverständnis die wichtigste Botschaft: Es geht in unserer gemeinsamen Arbeit um Menschen, es geht nicht um Dinge.

„ahs aktuell“
Wie siehst du die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer für die Qualifizierung und den Schulerfolg der Schülerinnen und Schüler? Würdest du eine Imagekampagne für die Lehrerinnen und Lehrer führen?

Präsident Czernohorszky
Ganz besonders entscheidend im Bildungswesen und für den Erfolg desselben ist, wie Menschen miteinander arbeiten. Damit Schule funktionieren kann, muss die Beziehung zwischen den Lehrenden und den Lernenden funktionieren. Diese Frage muss schultypenübergreifend im Zentrum aller bildungspolitischen Fragen stehen. Wichtig ist, dass Lehrerinnen und Lehrer Unterstützung bekommen für ihre Arbeit, die die wichtigste in unserer Gesellschaft ist. Wertschätzung ist dabei das Entscheidende. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Zeigen des Arbeitsalltages der Lehrerinnen und Lehrer und das, was diese jeden Tag machen, an sich die beste Imagekampage ist. Wenn man die besten Lehrerinnen und Lehrer möchte, was in unser aller Interesse ist, muss man sich aber auch die Frage stellen, was Lehrerinnen und Lehrer motiviert. Das ist der springende Punkt und ich habe vom ersten Tag in meiner Tätigkeit als Präsident an begonnen, diese Informationen zu sammeln und auch zu erzählen, dass Wien voll ist von positiven Beispielen, wo ganze Schulen oder auch einzelne Lehrerinnen und Lehrer beweisen, dass Kinder und Jugendliche gerne lernen, denn das ist das Entscheidende – nicht Kindern zu zeigen, wer sie sind, sondern wer sie sein können, ist unsere Aufgabe.

Der tägliche Erfolg der Lehrerinnen und Lehrer manifestiert sich darin, wenn sie es schaffen, einem Kind, einer/m Jugendlichen zu zeigen, was er oder sie noch leisten kann und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.

„ahs aktuell“
Wie soll das der Öffentlichkeit nahegebracht werden?

Präsident Czernohorszky
Man kann Lehrerinnen und Lehrer nicht genug vor den Vorhang holen und es ist meine Aufgabe, die besten Rahmenbedingungen für deren Arbeit zu bieten. Der SSR ist zwar dafür da, Regeln zu erstellen, ist aber auch und vor allem Partner und zwar wertschätzender Partner. Die Berichte von meinen Schulbesuchen poste ich z.B. auf Facebook und ich bekomme immer zahlreiche positive Rückmeldungen. Die beste Imagekampagne ist, wenn man das zeigt, was täglich geleistet wird und darüber spricht – da ist jeder weitere Spin überflüssig!

„ahs aktuell“
Welchen Stellenwert hat für dich die AHS im österreichischen Schulwesen?

Präsident Czernohorszky
Wie ich vorher schon gesagt habe, kann man mit großem Stolz weitererzählen, was an den Schulen geleistet wird, vor allem an den AHS. Die AHS sind ein gutes Beispiel für Schulen, die sehr intensiv an der Schulentwicklung arbeiten, auch an dem jetzt modernen Thema „Autonomie“, die sie in dem Rahmen, wie es jetzt schon möglich ist, nutzen. Ein hervorragendes Beispiel ist die modulare Oberstufe in der Draschestraße – es glaubt einem ja keiner, was dort alles passiert. Das heißt jetzt nicht, dass es sofort überall genauso sein muss, aber es ist ein Beispiel, was an einem Standort geschehen kann. Am Wochenende war ich auch beim Bernoullimusical, wo in beeindruckender Weise eine ganze Schule an einer Musical-Produktion arbeitet.

Wien ist voll von Lehrerinnen und Lehrern, die entweder in ihrem Unterricht oder in Projekten zeigen wie man Kinder fördern und mit ihnen gemeinsam Großes auf die Beine stellen kann. Man schreibt der AHS ja oft zu, dort fände ausschließlich ein fachspezifisches Lernen und Wiedergeben statt, aber das ist eine Situation, die so absolut nicht zutrifft. Gerade in dieser Schulform habe ich sehr viel Kreativität und Offenheit für Neues erlebt.

„ahs aktuell“
Wir sehen immer wieder ein Problem im Spannungsfeld zwischen Autonomie und dem strikten Rahmen der Zentralmatura, hier den Ausgleich zu finden ist oftmals sehr schwierig.

Präsident Czernohorszky
Die größte Herausforderung sowohl für die Schulen als auch die Regel- und Rahmensetzer/innen ist, dass es Regeln und Rahmenbedingungen gibt die notwendig sind, die aber auch vermitteln sollen, welche Möglichkeiten innerhalb dessen bestehen und welche Schwerpunkte man setzen kann. Der ideale Rahmen sollte ein Orientierungsrahmen sein, der Grundsätzliches klärt, gleichzeitig aber auch die notwendigen Freiheiten bietet. Lehrer und Lehrerinnen brauchen immer Persönlichkeit und unterschiedliche Persönlichkeiten haben immer unterschiedliche Zugänge, da gibt es eigentlich kein Richtig und kein Falsch. Falsch ist lediglich Desinteresse am jungen Menschen. Richtig ist immer sich selbst einzubringen mit dem, was einen interessiert und was man besonders gut kann.

„ahs aktuell“
In den letzten Jahren wurde dem Fach „Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung“ in der zweiten und in der fünften Klasse je eine Stunde gestrichen. Würdest du es für wichtig erachten, diese Stunden für die Politische Bildung zurückzuholen?

Präsident Czernohorszky
Als ich noch im Gemeinderat war, habe ich an der Erstellung eines Antrages mitgearbeitet, der sich mit der Politischen Bildung an den Schulen befasst. Es ist unbedingt notwendig, politische Bildung allen Kindern und jungen Menschen nahe zu bringen. Ein Ausbau der politischen Bildung an den Schulen ist dringend notwendig. Besonders wichtig ist mir, dass es ein Selbstverständnis gibt, dass politische Bildung in allen Fächern unterrichtet wird, weil es ja ein absolut breites Querschnittthema ist. Es ist keine Frage, dass bei dem jetzt schon bestehenden Unterrichtsprinzip viel Luft nach oben besteht, was die Umsetzung betrifft. Es gibt großes gesellschaftliches Interesse daran, dass politische Bildung gelebt wird, vor allem angesichts des Wählens mit 16.

Bezüglich der Stundenressourcen habe ich keine unmittelbare Eingriffsmöglichkeit. Wichtig ist aber, dass man das Interesse unterstützt. Was geschaffen werden muss, ist überhaupt einmal das Verständnis dafür, dass Politik etwas mit einem selber zu tun hat. Besonders wichtig ist es, junge Menschen dazu zu animieren, nachzudenken, eine Meinung zu entwickeln, diese zu vertreten, andere davon zu überzeugen und am Ende das Tages dafür eine Mehrheit zu bekommen. Wenn dazu in der Schule ein Zugang geschaffen werden kann, dann ist der Zugang zur Politik gelegt. Die neuen Lehrpläne, die Kompetenzorientierung und die VWAs sind schon ein Weg dazu, das halte ich für eine große Entwicklungschance. Gerade VWAs sind ein gutes Beispiel dafür, wie viel Interesse Schülerinnen und Schüler wirklich an Geschichte und an Politischer Bildung haben, denn das ist das Fach, das die meisten VWAs hervorbringt.

„ahs aktuell“
Das geht aber nicht in einer Stunde. Auch wenn es nicht unmittelbar in deinem Bereich liegt, sind wir sicher, dass die Stimme des Wiener SSR-Präsidenten auch auf einer höheren Ebene Gewicht hat.

Präsident Czernohorszky
In dem Antrag an den Gemeinderat habe ich sogar für die Schaffung eines eigenen Unterrichtsfaches Politische Bildung plädiert. Wichtig ist aber vor allem, dass die Schulen generell die Mittel und die Freiheit haben, politische Bildung auch zu leben.

„ahs aktuell“
Da wir gerade bei gelebter politischer Bildung sind: Wie wichtig ist für dich die Arbeit von Personalvertretung und Gewerkschaften – siehst du diese als beratende Experten oder als Menschen, die du von deinen Ideen überzeugen musst? Wärst du bereit, bezüglich evtl. kritischer bzw. umstrittener Entscheidungen zuerst das Gespräch mit den betroffenen Lehrerinnen und Lehrern zu suchen und deren Ideen aufzugreifen?

Präsident Czernohorszky
Ich sehe uns alle im gleichen Boot und auch in beiden Rollen, einmal werdet ihr die Expert/innen sein, die mich beraten oder überzeugen müssen und umgekehrt, aber insgesamt glaube ich, dass es die beste Voraussetzung ist, wenn die gemeinsame Arbeit von der Grundstimmung getragen ist, dass Schule, immer nur eine gemeinsame Veranstaltung sein kann. Nur dann kann dieser Prozess, dieser gemeinsame Weg bestmöglich gegangen werden, denn das kann nur auf Basis des Gesprächs und des sich gegenseitigen Ernst- und Einvernehmens funktionieren, was aber nicht heißen kann, dass bei jedem Schritt Einstimmigkeit und Einigkeit herrschen müssen, aber die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Argumenten des/der jeweils anderen ermöglicht eine sinnvolle Entwicklung ja überhaupt erst.

„ahs aktuell“
Wir stehen in diesem Spiel auf unterschiedlichen Seiten, aber ein Klima der Gesprächsbereitschaft und des gegenseitigen Respekts ist uns als Vertreter/innen der Lehrer/innenschaft ganz besonders wichtig.

Präsident Czernohorszky
Ich sehe uns nicht einmal auf verschiedenen Seiten, ich sehe uns und andere Schulpartner in unterschiedlichen Rollen im gleichen Boot und da ist es ganz schlecht, wenn es keine Möglichkeit gibt, sich aufeinander abzustimmen, denn dann ist gar keine Entwicklung in irgendeine Richtung möglich.

„ahs aktuell“
Das klingt für uns sehr positiv, vor allem, wenn wir das nicht nur so weitergeben, sondern später auch so erfahren dürfen!

Präsident Czernohorszky
Ich stehe dazu, dass man zunächst das Argument des anderen hört, ernstnimmt und darüber nachdenkt und dass hier ein Austausch stattfindet, so wie in einer Demokratie üblich. Einfach drüberfahren ist nicht mein Stil und das halte ich auch nicht für zielführend.

„ahs aktuell“
Wie siehst Du die Diskussion über die Verwaltungsreform in Bezug auf die Landesschulräte bzw. den Stadtschulrat für Wien?

Präsident Czernohorszky
Die Diskussion, die in den letzten Wochen geführt wird, ist eine, die mich ein bisschen ungeduldig macht. Natürlich ist es relevant, diese Frage zu klären, und es ist auch völlig unbestritten, dass es zwischen dem Bundesministerium und den Schulen eine Verwaltung braucht. Ich finde es sehr vernünftig darüber nachzudenken, ob es in einem Land nicht nur eine Behörde geben soll, die für Schule zuständig ist. Das ist in Wien möglicherweise weniger Umstellung als z.B. in Tirol, wo es das Amt der Landesregierung gibt und den Landesschulrat, was aus Elternsicht meiner Meinung nach eine schwer erträgliche Situation ist – abgesehen davon, dass sie mehr kostet. Ich bin deswegen ungeduldig, weil das, worum es eigentlich geht, das ist, was in der Klasse ankommt und darum drehen sich auch alle anderen Kapitel der Bildungsreform, z.B. wie schaut die Ausgestaltung der Autonomie aus usw. Ich bin sehr gespannt, was dieser Schritt bringen wird, weil sich ja schon der Ministerratsvortrag sich ein großes Beispiel an der Wiener oder der niederösterreichischen Situation genommen hat.

Dass man in den 70er-Jahren in Wien gesagt hat, man überträgt die Verantwortung für die Landeslehrer/innen dem Bund bzw. der mittelbaren Bundesverwaltung, das finde ich gut, weil es für niemanden verständlich ist, dass die Lehrer/innen in einem Bundesland an verschiedenen Orten zuständig sind. Das Problem dabei ist, dass manche Länder das umdeuten wollen zu einer Sache der Länderkompetenz. Ich denke, dass man aber unmittelbar davor steht, diese Sache nun doch abzuschließen.

„ahs aktuell“
Obwohl es natürlich nicht sinnvoll ist, über Dinge zu diskutieren, zu denen man noch nichts Konkretes sagen kann, weil es die Rahmenbedingungen nicht gibt, möchten wir dennoch abschließend kurz auf das Thema der Modellregionen und die mögliche Umsetzung derselben kommen, auch bezugnehmend auf deine Aussagen zur Rolle von PV und Gewerkschaft.

Präsident Czernohorszky
Da muss man einmal abwarten, wie ein Gesetzesvorschlag aussehen könnte. Ich hoffe sehr, dass sich das bis zum Sommer ausgeht, das ist zumindest das Ziel, das sich die Ministerin und die Verhandler/innen gesetzt haben. Ich sehe hier keinen Grund nicht optimistisch zu sein, wenngleich mich die Dauer der Verwaltungsreform ungeduldig macht. Sobald klar ist, welchen Weg wir gehen können, beginnt unsere konkrete Arbeit. Welcher Weg auch immer das sein wird, es wird ein Weg sein und den kann man nur gemeinsam gehen unter der Einbeziehung, dem Hören und dem Mitdiskutieren aller Beteiligten. Dabei werden die Fragen der Pädagogik, des Lehrer/inneneinsatzes, der internationalen Beispiele, der Organisationsform etc. zu besprechen und zu klären sein.

„ahs aktuell“
Wir stehen komplexen Herausforderungen gegenüber, die wir hoffentlich im Sinne aller Beteiligten bestmöglich meistern werden. Danke für das Gespräch!

ahs aktuell mit SSR-Präsident

Post Author: Philipp Daferner